Der Zahn(arzt) der Zeit

Lassen Sie uns heute einmal gemeinsam eine Zeitreise machen…

Frühjahr 1989:

„Ich habe einen Termin beim Zahnarzt!“

„Oh, du Arme(r)!“

Zurück in die Gegenwart, Frühjahr 2019:

„Ich habe einen Termin beim Zahnarzt!“

„Oh, du Arme(r)!“

Was auf den ersten Blick identisch wirkt, beinhaltet zwei völlig unterschiedliche Aussagen. 1989 war es das Bedauern, durch eventuell notwendige Behandlungen mit dem Bohrer Schmerzen zu erleiden. Heute richtet sich das Mitleid auf die zu erwartenden Kosten. Zumindest für Best-ager ist der Besuch eines Zahnarztes eine Frage der finanziellen Möglichkeiten geworden.

So musste bei mir letzte Woche eine Kunststoffüllung an einem Eckzahn ersetzt werden, die vor einigen Jahren noch von der Gesundheitskasse übernommen worden war.

Nun hieß es innerhalb von Sekunden eine Entscheidung mit Tragweite zu treffen.

Sollte ich kostenfreies Grau wählen, in der Hoffnung, dass meine Frau mich auch weiterhin mit dem Herzen und weniger mit den Augen liebt? Würde ich aufhören zu lachen und meine Aussprache etwas undeutlicher werden lassen, fiele dann meiner Umwelt das optische Manko überhaupt auf?

Es siegte die zuschlagspflichtige Eitelkeit in mir, doch damit war ich immer noch nicht am Ziel angekommen. Nun musste ich entscheiden, ob ich die 90-Euro-Lösung vorziehe oder die langlebigere 120-Euro-Füllung.

In nur wenigen Sekunden ging ich meine gesundheitliche Befindlichkeit durch. Würde ich älter als die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer werden, wäre Variante Zwei die bessere Wahl. Bei früherem Ableben hätte ich natürlich 30 Euro unnötig mehr ausgegeben. Zwei Jahre Garantie auf die Füllung lässt erahnen, dass ich im Sommer 2021 gezwungen werde, erneut diese auszutauschen. Vermutlich dann zu einem Preis von 250 Euro für die billigste Variante.

Schweißgebadet entschloss ich mich auf volles Risiko zu gehen und entschied mich für die optimistische Langlebigkeit-Variante. Den Rest der Behandlung nahm ich, vollkommen erschöpft, nicht mehr richtig wahr.

Zeitsprung in das Frühjahr 2029:

„Ich habe einen Termin beim Zahnarzt!“

„Oh, du Reiche(r)!“

Wenn uns in ein paar Jahrtausend irgendwelche Menschen ausgraben, werden sie den gesellschaftlichen Status nicht mehr an der Grabbeigaben erkennen können, sondern an dem Zustand unserer Zähne. Jetzt aber heißt es erst einmal für mich, gesünder zu leben. Damit die Investition in meine Beisswerkzeuge sich als rentabel erweist.

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