NachdenlICHes – Part Two

Im ersten Teil meiner Ausführung berichtete ich davon, dass unser ICH im JETZT lebt und selbst wenn ich in meinem JETZT schreibe, Sie in Ihrem JETZT lesen, dann greift unser jeweiliges ICH auf die in der Vergangenheit gespeicherten Daten des Gehirns zu. Selbst Kommunikation läuft im JETZT mit Erlerntem von Einst ab.

Wir können die Vergangenheit zwar nicht direkt ändern, aber unseren Zugriff auf die Erfahrungen manipulieren. So ist wissenschaftlich nachgewiesen worden, dass uns Momente des Glücks wesentlich kürzer in Freude versetzen, negative Erlebnisse uns jedoch über lange Zeit in Verärgerung oder Trauer halten. Das mag für die Evolution einst wichtig gewesen sein. Wenn einem der Säbelzahn-Tiger die Beute weggeschnappt hat, war Verärgerung neue Motivation, um wieder zu jagen und diesmal noch vorsichtiger zu sein. In der heutigen Welt sind negative Einstellungen eher kontraproduktiv und wenn sie zu oft statt finden, sogar schädlich für die Gesundheit.

Es ist demnach von Vorteil, wenn ich mein ICH dahingehend beeinflusse, dass es nicht dauernd durch die „dunklen Zonen“ des Hirns streift. Denn wenn ich dort nach Unrat suche, werde ich welchen finden. Mein persönliches Bestreben jedenfalls ist es, fortan mehr Augenmerk auf die angenehmen Seiten aus meinem Erfahrungsarchiv zu legen. Ich führe seit ein paar Tagen wieder ein Erfolgstagebuch. Hier schreibe ich jeden Abend, vor dem Einschlafen, zwei bis maximal drei Dinge rein, die an dem jeweiligen Tag gut gelaufen sind. So vermutlich heute, dass ich stolz bin, den zweiten Teil dieses Themen-Zirkels veröffentlicht zu haben.

Was dadurch passiert? Mein ICH schläft mit einem wesentlich positiveren Gefühl ein, als wenn ich mir denke: „Das war ein mieser Tag, heute. Morgen der, der wird kaum besser werden!“

Wir haben also schon Einfluss darauf, wie wir mit unserer eigentlich nicht veränderbaren Vergangenheit umgehen und mit etwas Nachsicht für die gemachten Fehler und etwas weniger Hadern über schlechte Erlebnisse, wird unser JETZT für das ICH angenehmer und kann positiver die nächsten „JETZTs“ angehen.

Damit sind wir beim Thema Zukunft angelangt.

Wir Menschen planen gerne, besonders Urlaube und unsere private sowie berufliche Entwicklung. Es wirkt fast schon paradox, dass wir uns erneut aus der gespeicherten Vergangenheit für unsere Zukunftspläne bedienen. Suchen wir ein bestimmtes Reiseziel aus, weil wir unser ICH sich spontan dafür entschieden hat? Nein, weil wir gehört haben, dass es uns dort gefällt oder weil wir den Ort kennen. Selbst wenn wir in ein Reisebüro reingehen, einen Katalog blättern und uns scheinbar spontan für ein freies Ziel entscheiden, so hat das unser ICH nicht spontan getan. In Millisekunden klappert es im Hirn Areale ab und checkt in den dortigen Archiven, ob die Destination passt oder nicht. Dann fällt das ICH, nicht wirklich spontan und auch nicht wirklich unvoreingenommen, seine „spontane“ Entscheidung.

Hat das ICH damit die Zukunft im Griff? Nein, denn diese Buchung ist lediglich eine Absichtserklärung und der Urlaubsantritt funktioniert nur, wenn alles so glatt verläuft, wie es sich unser ICH erhofft.

Wie wenig Einfluss wir auf die Zukunft haben, verdeutliche ich nun in zwei weiteren Beispielen:

Was machen Sie nächsten Montag um 11:37 Uhr?

Wenn Sie berufstätig sind und keinen Urlaub haben, werden Sie nun ungefähr denken: „Jetzt habe ich ich entlarvt! Ich sitze an meinem Arbeitsplatz um diese Zeit!“

Sorry, aber den Triumph muss ich Ihnen nehmen, denn so pauschal wollte ich es von Ihnen nicht wissen. Zum einen nehmen Sie lediglich an, dass Sie zu der Zeit im Büro sind. Sollten Sie erkranken, Ihnen etwas zustoßen oder sonst irgendeine Katastrophe passieren, wird sich Ihr ICH sicherlich nicht am Arbeitsplatz aufhalten. Außerdem wollte ich von Ihnen wissen, was Sie um 11:37 Uhr machen werden. Also was denken Sie gerade, was tun Sie gerade und was fühlt Ihr ICH in diesem Moment?

Selbst wenn ich Ihnen die Frage stelle: „Was denken Sie in 5 Minuten und 42 Sekunden?“, können Sie mir diese nicht beantworten. Ihr ICH hat jenes JETZT noch nicht erreicht und über das Hirn besteht nur Zugriff auf vergangene Erlebnisse.

Damit ist bewiesen: Ihr ICH hat keinen Zugriff auf die Zukunft! Es kann planen und rudimentär über das Archiv im Hirn vielleicht Vorahnungen basteln aber mehr nicht!

Lassen Sie mich noch ein letztes Beispiel bringen, bevor ich zum Fazit dieses Beitrages komme. Eine unschöne Erfahrung aus meiner nahen Vergangenheit.

Ein Bekannter fährt am Vormittag mit seinem Mofa in die Stadt, um dort Besorgungen zu machen. Auf dem Weg dahin verunglückt er tödlich. Mit einem Schlag ist sein Wahrnehmungsobjekt (hierzu beschäftige ich mich im nächsten Kapitel) außer Betrieb. Alle Planungen für die nähere und weitere Zukunft ist dahin. Doch nicht nur das: die ICH’s der Familie, Freunde und des gesamten Umfelds sind davon betroffen und hierdurch, wenn auch nicht so intensiv, dahinter stehende Kontakte. Für viele ändert sich dadurch die Zukunft und auch die Bewertung dieser. Man nehme nur die Ehegattin als Beispiel.

Was will ich Ihnen nun als Fazit auf den Weg geben?

Unser ICH kann nur JETZT und deshalb empfiehlt es sich für jeden von uns, dieses wesentlich intensiver und auch positiver wahrzunehmen!

Was immer uns Kummer oder Sorgen bereitet: schlimm genug, dass es das tut. Doch wozu im JETZT die Lebensqualität herabsetzen? Sollten uns berufliche Sorgen quälen, so what! JETZT kann mein ICH das nicht ändern und was passieren wird, wird sich zeigen. Gleiches gilt bei Erkrankungen und seien diese noch so schwer. „Warum ich?“, ist die unsinnigste Frage die Sie sich stellen können. Sie werden darauf keine Antwort bekommen. Doch ein kleiner Trost: Der geringste Anteil an ICH’s auf diesem Planeten lebt wirklich vollkommen sorgenfrei und wird nicht durch irgendwelche Probleme heimgesucht. Wenn der Mensch etwas beherrscht, dann ein Problem für besonders immens zu bewerten, bis ein noch größeres Problem auftritt und die alte Problematik plötzlich ihre Wichtigkeit verliert.

Ein Dementi bringe ich allerdings selbst ein: sollte das Leben einen Menschen an den Punkt bringen, wo Schmerzen nur noch auf chemischem Weg in halbwegs erträgliche Grenzen gehalten werden können, muss jedes ICH das Recht haben, selbst zu bestimmen, wann es seinem Wahrnehmungsgerät, dem Körper, ein Ende setzen möchte!

Das Thema Körper wird dann mein vermutlich letztes Kapitel werden. Zumindest plant das mein ICH und mal sehen ob es das JETZT geben wird, wo ich damit beginne.

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