Zeit ist relativ

Gleich vorweg muss ich alle die Leser enttäuschen, die jetzt eine Dissertation a la Einstein erwarten.

Ich erinnere mich lediglich an zwei Geschehnisse, die mich (zumindest in gewisser Weise) amüsiert aber auch irritiert haben.

Vor einigen Jahren blickte ein junger Kollege vor mir auf das Display des Zeiterfassungs-Terminal unseres Arbeitgebers. Freudig rief er aus:

„Ich habe schon 24 Minuten Überstunden gemacht!“

Belustigt hatte mich weniger diese irre Menge an Zeitguthaben, sondern die Tatssache, dass für mich eine Stunde immer noch aus 60 Minuten besteht. Also waren es 24 Überminuten oder knapp eine halbe Überstunde.

Gestern fiel mir wieder dieses Erlebnis ein, denn ich befand mich in einer Art Zeitschleife. Bei dem Versuch eine Person mit therapeutischer Ausbildung zu erreichen, um nach einem eventuell freien Platz zu fragen, war ich mehrmals mit einer elektronischen Ansage verbunden, die dann folgende Informationen bekannt gab (natürlich in unterschiedlichen zeitlichen Varianten):

„Unsere Sprechstunden sind Montags und Donnerstags, zwischen 11:30 und 12:00 Uhr.“

Wenn man diese Aussage genau nimmt, und das tue ich, handelt es sich nicht um eine Sprechstunde sondern um ein paar wenige Sprechminuten.

Abgesehen davon musste ich mir alle Gesprächszeiten notieren und wie gut, dass es auf dem Handy den Kalender mit Alarm-Funktion gibt. Ohne diese elektronische Hilfe wäre ich gezwungen, jeden Tag die Liste zu checken, ob Jemand Sprechminuten hat und wenn ja wann?

Irgendwie erinnerte mich das Ganze auch an diese Votings im TV. Da kann man, gegen Gebühr, für irgendwas abstimmen und wenn man im richtigen Moment anruft, kommt man eine Runde weiter und hat dann die Chance auf einen Gewinn.

Ich hatte gestern weniger Glück. Einmal kam ich durch. War total überrascht, dass es sich um eine echte Person und keine Absage handelte. Dachte zunächst, ich hättee mich verwählt. Die Info, dass es für die nächsten Monate keine freien Plätze mehr gäbe, ich aber auf die Warteliste für die Warteliste kommen könne, die verdeutlichte dann: ich war richtig und auch nicht bei „Verstehen Sie Spaß?“

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Zahlreiche Urlaubsüberraschungen

Zurück aus dem kurzen Urlaub, gibt es doch zwei überraschende Erkenntnisse für mich.

Punkt 1: Dass ich im heimischen Rudel nicht wirklich das Alphatier bin, das habe ich schon seit langem geahnt. Doch in den letzten Tagen ist mir klar geworden, dass ich mittlerweile ganz unten angelangt bin.

So war es noch vor einem Jahr üblich, dass der Hund an Urlaubsorten außerhalb vom Schlafzimmer lag und ich konnte Nachts nach Belieben das Fenster aufmachen, so weit es meiner Frau eben genehm war.

Mittlerweile darf unser Haustier bei auswärtigen Aufenthalten im gleichen Zimmer wie wir übernachten. Das Fenster blieb weitgehend geschlossen, damit der Hund nicht friert. Dass ich dabei schwitzen musste: ein ignorierbares Einzelschicksal! 🤪🥴

Ebenfalls interessant und damit Punkt 2: Vor Jahren habe ich unserem Haustier antrainiert, dass es ein Leckerli gibt, wenn wir durch irgendwelche Gatter auf dem Weg durchgehen müssen. Klingt vielleicht schräg, aber ich wusste so: während ich damit beschäftigt bin das Gatter zu öffnen, durchzugehen und wieder zu schließen, würde der Hund nicht abhauen sondern artig darauf warten, dass es eine Belohnung gibt. Das hat in der Tat auch sehr gut funktioniert.

Jetzt waren wir schon lange nicht mehr in Urlaub oder zumindest nicht auf Wegen, die mit Gattern für die Viehhaltung versehen sind. Wir gehen als durch so ein massives Holztor durch und ich wundere mich, dass unser Hund sich hingesetzt hatte und auf etwas wartete. Es dauerte eine Weile bis bei mir der Groschen fiel und ich mich an das erinnerte, was ich meinem Hund einst gelernt hatte. Also irgendwie beachtlich, vielleicht auch schon bedenklich für mich, dass sich so ein Tier das besser gemerkt hat wie meinereiner.

🤭🙉

perspekivlose Perspektiven

Heute gehört mein Blog-Eintrag eigentlich in die Kategorie „NachdenklICHes“, aber – typisch Mann – arbeite ich eher darauf los, ohne Einzuordnen. Bedienungsanleitungen werden auch erst dann gelesen, wenn ich mit meiner intuitiven Vorgehensweise nicht mehr weiter komme.

Meine Eltern sind heute aus Österreich abgereist, einem Ort, in dem wir schon seit mehr als 40 Jahren immer wieder unseren Urlaub verbringen. Zunächst gemeinsam, doch als wir Kinder erwachsen waren, jeder wann es ihm beliebte. Diesmal wollten wir eine Überraschung starten und sind unangekündigt angereist. Haben dann, in den Stunden die wir gemeinsam verbrachten (meine Schwester war auch zufällig dort), eine angenehme Zeit gehabt.

Die Abschiede aus Osttirol sind immer mit etwas Wehmut verbunden, doch in der Gewissheit, bald wieder da zu sein, hält sich die Trauer in Grenzen. Nähern wirs uns doch mit jedem Tag hin zur Abreise auch wieder dem Zeitpunkt der erneuten Ankunft.

Aus gesundheitlichen Gründen bei meinem Vater, ist es allerdings unwahrscheinlich, dass die Beiden nochmals hier her reisen werden. Dieses seltsame Gefühl der Endgültigkeit für eine lieb gewonnene Aktivität, das macht mich enorm nachdenklich. Wenn wir im Alter immer mehr dieser Abschiede haben.

Es fängt erst klein an…. selbst in meinem Alter werden die Wanderungen nicht mehr so exzessiv lang oder gehen hoch hinaus. Rennrad fahre ich schon eine Weile nicht mehr und es wird sich steigern werden, was nicht mehr machbar ist.

Irgendwann wird auch der Moment kommen, wo ich zum letzten Mal in Österreich war oder bin. Doch am Schlimmsten ist es für die Menschen, die im Alter nicht nur die Möglichkeit des Reisens verlieren weil der Körper nicht mehr so mitspielt, sondern den Personen, die sogar Abschied von ihren Erinnerungen nehmen müssen. Einfach, weil das Hirn nicht mehr mitspielt.

Ich möchte zwar noch viele Dinge in meinem Leben tun, wie viele Orte bereisen (auch in Deutschland und hier besonders im Osten). Ich wünsche mir, mit einem Heli über die Deferegger Berge zu fliegen oder besser noch: mit einem Tandem-Sprung Paragleiten – aber heute wird mir bewusst:

Viel wichtiger als die Erfüllung dieser Träume ist für mich, die alten Möglichkeiten nicht zu verlieren und so lang wie irgendwie machbar auszukosten!

Das übrigens, wünsche ich mir auch für alle meine realen wie virtuellen Menschen die ich kenne.

Der kleine feine Unterschied

„Vorfreude ist die größte Freude!“ Eine Aussage, die phasenweise auch unpassend sein kann.

Nehmen wir zum Beispiel den Urlaub. Natürlich freue ich mich im Vorfeld darauf, zu verreisen. Doch wenn es dann an das Kofferpacken geht, wird das Ganze extrem anstrengend. Vor allem, wenn man Nachts zu fahren gedenkt.

Ich, typisch Mann, packe am Tag davor mein Zeug, würde das Auto bis auf Kühl- sowie Wertsachen laden und dann nachts ins Auto steigen und einfach starten.

Natürlich hätte ich ca. 20 Prozent der Dinge vergessen, die ich brauche und dafür 20 Prozent Sachen eingepackt, für die es keine Verwendung gibt.

Anders läuft es bei meiner Frau ab und da ich nicht das erste Mal mit einer weiblichen Person verreise, weiss ich: das ist ein grundsätzliches Ding.

Da wird geplant und Packstrategien werden entwickelt. Sie möchte sich die Option behalten, bis zum Zeitpunkt der Abfahrt noch neu zu organisieren. Für mich heißt das: vorab das Auto beladen, nur so weit es meine Dinge betrifft. In der Nacht der Abreise wird es dann heftig. Möglichst leise schleppe ich das Gepäck meiner Frau aus der Wohnung und man sieht ihr an: die Trennung erfolgt schweren Herzens und nachdenklich runzelt sie die Stirn. Ich stehe vor meinem Wagen und kann alles nochmals komplett ausräumen, was ich bereits von meinen Sachen eingepackt hatte, denn ich muss den Stauraum völlig neu planen. Sollte für die Nacht Regen angekündigt sein und es war bisher trocken, so garantiere ich: jetzt fangen die Schauer an und hören nach dem Beladen auf. Sitze ich dann erschöpft und feucht im Auto ist es nicht klar, ob ich durch das Schwitzen von innen heraus so nass bin oder durch den Regen von aussen. Vermutlich durch beides.

„Können wir endlich fahren?“, kommt es von meiner Gattin. Jetzt, wo nichts mehr umgepackt werden kann, möchte sie offenbar nur noch dem Hab und Gut nahe sein. Ich bestätige und es geht los.

Nach wenigen Kilometern ein Aufschrei von der Seite: „Mist, ich habe was vergessen!“ Mir gefriert das Blut in den Adern. Nur nicht noch einmal umdrehen müssen und dann garantiert den Koffer herausnehmen, der ganz hinten und unten im Kofferraum liegt.

„Mein Lippenbalsam fehlt!“

Jetzt kann rasch die Stimmung kippen wenn ich nicht vorsichtig bin und mir versehentlich ein Satz der Erleichterung entrinnt, wie: „Na wenn das alles ist!“ Mir fehlt da dieses Feingefühl, dass man diesen Stift nicht am Urlaubsort nachkaufen kann und jedes andere Produkt nur ein miserabler Ersatz ist.

„Sollen wir umdrehen?“

Natürlich meine ich diese Frage nicht ernst und es besteht die Gefahr, dass ich nicht glaubwürdig wirke oder schlimmer noch: meine Holde nimmt die Offerte an.

Meist aber erfolgt in solch einer Situation eine knappe Verneinung.

Stunden später sind wir im Urlaubsort angekommen. Die Liebste ist halbwegs zufrieden mit dem neu erworbenen Lippenbalsam. Ich weniger! Habe ich doch meine Wanderschuhe daheim liegen gelassen, die für einen Wanderurlaub nicht unwesentlich sind. Zwei Tage später werde ich, wegen Blasen an den Füßen, in das lokale Schuhgeschäft gehen und mir überteuerte Wanderschuhe kaufen. Neben mir ein anderer Tourist. Wir nicken uns zu, denn auch ohne Worte zu wechseln wissen wir: wir haben beide das gleiche Schicksal erlitten. Jäh wird durch eine laute Stimme unser Blickkontakt unterbrochen.

„Schau Thorsten, die haben hier Lippenpflege. Ist zwar mit höherem Sonnenschutzfaktor und viel teurer, aber für den Urlaub reicht’s!“

In diesem Moment wird mir völlig klar: gewisse Dinge sind vermeidbares Schicksal, andere nicht!

👻

Alles im Wandel

Als junger Bub erzählte man mir vom Christkind und dem Nikolaus. Ich glaubte fest daran, bis ich eines Tages unseren Nachbarn erwischte, wie er aus dem Kostüm schlüpfte.

Ich wusste, dass Störche die Kinder bringen und war erstaunt, wie selten man diese Vogelgattung sah, im Verhältnis zu den vielen Neugeborenen. Auch hier wurde ich behutsam, über Biene und Blüte an den wahren Prozess der Kindeszeugung herangeführt.

Dann war ich volljährig und dachte, dass all die gelernten Dinge nun endgültig und damit fix seien. Ich wusste zwischenzeitlich auch, dass Eltern alles andere als unfehlbar sind.

Doch es ging weiter damit. Um nur ein Beispiel zu nennen: Pluto, einen Stern den ich besonders liebte, weil er wie der Zeichentrick-Hund neben Goofy hieß, dem wurde der Titel Planet aberkannt. Das war eine Frühform der Ausgrenzung, weil er eben kleiner und damit anders als die anderen Planeten war.

Gerade erlebe ich wieder so einen Moment, wo altes Wissen seinen Wert zu verlieren scheint. So dachte ich bisher, dass Schreiben, Lesen, Kreuzworträtsel lösen und Sudoku spielen das Hirn fit hält. Mein Blog sozusagen meiner eigenen und auch Ihrer geistigen Wellness dient. Doch nun schocken mich schottische Wissenschaftler mit ihren Erkenntnissen.

Es ist völlig egal ob wir uns im reiferen Alter geistig besonders anstrengen! Der Verlust der Merkfähigkeit sinkt nahezu gleich schnell, wie auch die Menge, die wie vergessen. Einen einzigen Vorteil habe die Menschen, die schon immer etwas mehr gelernt haben und wissen: es dauert etwas länger bis der Kopf leer ist, weil einfach mehr drin ist.

Um es einmal trivialer darzustellen: aus einer 3-Liter-Gießkanne fließt die gleiche Menge Wasser raus wie aus einer mit 10 Litern. Nachfüllen geht bei beiden nicht und nachschütten funktioniert wohl auch nicht, will man den Wissenschaftlern Glauben schenken.

Also freue ich mich, so lange ich Sie noch mit solchen Blogeinträgen „benetzen“ kann und Glückwunsch: obwohl mein Humor manchmal schon recht trocken wirkt, sind Sie noch geistig feucht genug, ihn als solches anzunehmen. Lassen Sie uns also die Zeit genießen, die wir noch in geistig hellem Zustand verbringen können. Lesen Sie meine Texte nicht zum Gehirn-Jogging, sondern einfach weil es Spaß macht.