Der kleine feine Unterschied

„Vorfreude ist die größte Freude!“ Eine Aussage, die phasenweise auch unpassend sein kann.

Nehmen wir zum Beispiel den Urlaub. Natürlich freue ich mich im Vorfeld darauf, zu verreisen. Doch wenn es dann an das Kofferpacken geht, wird das Ganze extrem anstrengend. Vor allem, wenn man Nachts zu fahren gedenkt.

Ich, typisch Mann, packe am Tag davor mein Zeug, würde das Auto bis auf Kühl- sowie Wertsachen laden und dann nachts ins Auto steigen und einfach starten.

Natürlich hätte ich ca. 20 Prozent der Dinge vergessen, die ich brauche und dafür 20 Prozent Sachen eingepackt, für die es keine Verwendung gibt.

Anders läuft es bei meiner Frau ab und da ich nicht das erste Mal mit einer weiblichen Person verreise, weiss ich: das ist ein grundsätzliches Ding.

Da wird geplant und Packstrategien werden entwickelt. Sie möchte sich die Option behalten, bis zum Zeitpunkt der Abfahrt noch neu zu organisieren. Für mich heißt das: vorab das Auto beladen, nur so weit es meine Dinge betrifft. In der Nacht der Abreise wird es dann heftig. Möglichst leise schleppe ich das Gepäck meiner Frau aus der Wohnung und man sieht ihr an: die Trennung erfolgt schweren Herzens und nachdenklich runzelt sie die Stirn. Ich stehe vor meinem Wagen und kann alles nochmals komplett ausräumen, was ich bereits von meinen Sachen eingepackt hatte, denn ich muss den Stauraum völlig neu planen. Sollte für die Nacht Regen angekündigt sein und es war bisher trocken, so garantiere ich: jetzt fangen die Schauer an und hören nach dem Beladen auf. Sitze ich dann erschöpft und feucht im Auto ist es nicht klar, ob ich durch das Schwitzen von innen heraus so nass bin oder durch den Regen von aussen. Vermutlich durch beides.

„Können wir endlich fahren?“, kommt es von meiner Gattin. Jetzt, wo nichts mehr umgepackt werden kann, möchte sie offenbar nur noch dem Hab und Gut nahe sein. Ich bestätige und es geht los.

Nach wenigen Kilometern ein Aufschrei von der Seite: „Mist, ich habe was vergessen!“ Mir gefriert das Blut in den Adern. Nur nicht noch einmal umdrehen müssen und dann garantiert den Koffer herausnehmen, der ganz hinten und unten im Kofferraum liegt.

„Mein Lippenbalsam fehlt!“

Jetzt kann rasch die Stimmung kippen wenn ich nicht vorsichtig bin und mir versehentlich ein Satz der Erleichterung entrinnt, wie: „Na wenn das alles ist!“ Mir fehlt da dieses Feingefühl, dass man diesen Stift nicht am Urlaubsort nachkaufen kann und jedes andere Produkt nur ein miserabler Ersatz ist.

„Sollen wir umdrehen?“

Natürlich meine ich diese Frage nicht ernst und es besteht die Gefahr, dass ich nicht glaubwürdig wirke oder schlimmer noch: meine Holde nimmt die Offerte an.

Meist aber erfolgt in solch einer Situation eine knappe Verneinung.

Stunden später sind wir im Urlaubsort angekommen. Die Liebste ist halbwegs zufrieden mit dem neu erworbenen Lippenbalsam. Ich weniger! Habe ich doch meine Wanderschuhe daheim liegen gelassen, die für einen Wanderurlaub nicht unwesentlich sind. Zwei Tage später werde ich, wegen Blasen an den Füßen, in das lokale Schuhgeschäft gehen und mir überteuerte Wanderschuhe kaufen. Neben mir ein anderer Tourist. Wir nicken uns zu, denn auch ohne Worte zu wechseln wissen wir: wir haben beide das gleiche Schicksal erlitten. Jäh wird durch eine laute Stimme unser Blickkontakt unterbrochen.

„Schau Thorsten, die haben hier Lippenpflege. Ist zwar mit höherem Sonnenschutzfaktor und viel teurer, aber für den Urlaub reicht’s!“

In diesem Moment wird mir völlig klar: gewisse Dinge sind vermeidbares Schicksal, andere nicht!

👻

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3 Gedanken zu „Der kleine feine Unterschied

  1. Wir sind auch schonmal wieder zurückgefahren. Wäre gar nicht weit gewesen. Es war dann aber doch ziemlich weit, weil es so lange gedauert hat, ihn von der Notwendigkeit zu überzeugen. Bei der Gelegenheit hat er gleich noch eine andere Jacke mitgenommen, die er vergessen hatte. Wir haben dann nicht mehr darüber geredet. Besser war das. 😉

    • Lach – solche Szenen kenne ich nur zu gut. Es liegt wohl in der Natur des Menschen und auch im Unterschied der Geschlechter, dass es immer wieder zu solchen Szenarien kommt.

      Da erinnere ich mich an einen Spruch einer, mittlerweile verstorbenen, Fast-Schwiegermutter von mir:

      „Jeder is anners ähbsch!“

      Das ist plattstes Hessisch und bedeutet: Jeder Mensch hat seine Schwächen!

      • Damit hatte sie absolut recht! E. hat sich übrigens gefragt, ob du uns bei der letzten Packerei beobachtet hast. Genau so lief es bei uns ab. 😉

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